Uhrglas: Arten, Pflege und Entspiegelung 16


Das Uhrglas schützt das Ziffernblatt und die empfindlichen Zeiger vor Schmutz und Beschädigung – logisch! Doch welche Arten von Uhrgläsern gibt es und was sind die jeweiligen Eigenschaften sowie Vor- und Nachteile? Was sind die gängigen Entspiegelungen der Uhrgläser?

Diese und weitere Fragen beantwortet dieser ausführliche Artikel über Uhrgläser.

 

Uhrglas-Arten: Saphirglas, Kunststoffglas, Mineralglas, Hardlex

Die gängigen Uhrglas-Arten Saphirglas, Mineralglas, Kunststoffglas (Hesalith, Acryl oder Plexi) und Hardlex-Glas lassen sich im Wesentlichen anhand von vier Eigenschaften charakterisieren: Kratzempfindlichkeit, Pflegemöglichkeit, Spiegelung und Kosten.

Ohne große Reden zu schwingen habe ich die jeweiligen Eigenschaften der Uhrglas-Arten in einer kompakten Matrix bewertet:

  Saphirglas Mineralglas Kunststoffglas Hardlex
Härte / Kratzempfindlichkeit 😃 😐
Spiegelung 😐 😃
Pflegemöglichkeit (Entfernen von Kratzern) 😃
Kosten 😃 😃 😐

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist Saphirglas das Nonplus-Ultra bei Uhrgläsern: Es gilt als fast unzerkratzbar – im Alltag eines Otto Normal Uhrenfans kann eigentlich nur Beton dem Saphirglas etwas anhaben (und Diamant, aber die wenigsten werden wohl täglich mit Diamanten zu tun haben 😉 ). Der Nachteil: Saphirglas bricht das Licht vergleichsweise stark – das Uhrglas wirkt dadurch milchig, was die Ablesbarkeit beeinträchtigen kann.

Bulova Moonwatch

Wirkt milchig trotz Entspiegelung auf der Innenseite: Das Dicke, erhobene Saphirglas der Bulova Moonwatch

Die Fertigung von Saphirglas ist außerdem recht aufwendig und teuer. Aus diesem Grund kommt Saphirglas in aller Regel in Uhrmodellen ab 300€ zum Einsatz. Ein günstiges Einstiegsmodell mit Saphirglas ist beispielweise die LACO B-Muster Beobachtungsuhr Modell „Faro“, welche ich getestet habe. Natürlich setzen auch Uhrenhersteller im gehobenen Segment wie Breitling, Rolex, Omega oder TAG Heuer ausschließlich Saphirglas ein.

Breitling schreibt bzgl. des Fertigungsverfahrens von Saphirglas:

Der synthetische Saphir wird auf der Basis von Tonerde (oder Aluminiumoxid) hergestellt. Die Fusion erfolgt bei 2050 °C unter Beigabe von Wasserstoff und Sauerstoff. Einem Stalagmiten gleich bildet sich auf dem Sockel nach rund 15 Stunden eine sogenannte Schmelzbirne, ein Korund (kristallisiertes Aluminiumoxid). Zur Stabilisierung der Materie werden die Steine danach nochmals auf 1800 °C erhitzt. Diamantklingen zersägen die Korunde anschließend in Scheiben. Mit einer Präzision von 2 Hundertstelmillimetern wird das Glas auf den gewünschten Durchmesser geschnitten, danach folgt die Oberflächenbearbeitung, also das Schleifen der Glasdicke. Durch Schleifen der Vorder- und Rückseite erhält das Glas die bombierte Form.

 Und so sieht die recht beeindruckende Fertigung von Saphirglas im Hause Breitling aus:

Mineralglas wird hingegen hauptsächlich bei sehr günstigen Uhrenmodellen unter 100€ eingesetzt: Chemisch betrachtet kommt es Fensterglas sehr nahe und ist daher sehr günstig in der Herstellung. Ein Vorteil ist außerdem, dass Mineralglas das Licht nicht so stark bricht wie Saphirglas.

Der größte Nachteil von Mineralglas ist aber ganz klar die geringe Härte: Unschöne Kratzer, die sich auch nicht durch Polieren o.Ä. entfernen lassen, tauchen daher schon bei kleineren Stößen auf. Hier ein unschönes Beispiel meiner Fossil-Uhr, die unsere Haustür geknutscht hat:

fossil-kratzer-uhrglas

Nichts für Pingelige: Ein übel zugerichtetes Mineralglas

Gut zu wissen: Als wahrscheinlich einzige höherpreisigere Uhrenmarke setzt das noch junge Unternehmen Sevenfriday fast ausschließlich auf Mineralglas – und das bei Preisen ab ca. 1000€! Das ist für mich persönlich einfach das Ausschlusskriterium Nummer 1, da hilft auch das äußerst selbstständige und ausgefallene Design der Uhren nichts mehr.

Bei Hardlex-Glas handelt es sich im Prinzip nur um ein veredeltes Mineralglas, das zusätzlich gehärtet wird, um es kratzunempfindlicher zu machen. Das klingt natürlich relativ unsexy, weshalb der japanische Uhrenhersteller Seiko den Namen Hardlex eingeführt hat. Auch andere Hersteller härten das verbaute Mineralglas, darunter z.B. Swiss Military Hanowa oder Festina – die Qualität der Härtung dürfte allerdings je nach Hersteller recht stark variieren. Modelle mit gehärtetem Mineralglas kosten i.d.R. unter 200€.

Kratzer auf dem Uhrglas? Bei Kunststoffglas einfach Polieren…

Kunststoffglas ist leicht, günstig in der Produktion und spiegelt kaum. Dafür ist Kunststoffglas sehr weich und entsprechend anfällig für Kratzer (jeder, der schon mal Billig-Bilderrahmen von IKEA in der Hand hatte, weiß wovon ich Rede). Dennoch würde ich persönlich Kunststoffglas immer Mineralglas vorziehen: Das liegt zum einen am Vintage-Charme von Kunststoffgläsern, da die Optik wärmer als bei Saphir- oder Mineralglas rüberkommt. Außerdem lassen sich feinere Kratzer relativ problemlos aus Kunststoffglas entfernen, z.B. mit Polywatch. Bei tieferen Kratzern ist aber auch ein Austausch relativ unproblematisch und vor allem Geldbeutel-schonend.

Das wohl mit Abstand beliebteste Uhrenmodell mit Kunststoffglas (genauer: Hesalitglas) ist die Omega Speedmaster Moonwatch: Diese wird nach wie vor fast exakt so hergestellt wie bei der Mondlandung im Jahre 1969, bei der Neil Armstrongs Astronauten-Kollege Buzz Aldrin seine ersten Gehversuche wagte.

© OMEGA Ltd

© OMEGA Ltd

Ein Schnäppchen ist die Omega Speedmaster Moonwatch trotz Kunststoffglas allerdings nicht: Der UVP beträgt nach einigen Preiserhöhungen nun stolze 4300€. Für einen saftigen Aufschlag kann man allerdings die Omega Speedmaster Moonwatch auch in der Variante mit Saphirglas kaufen. 700€ Aufpreis kostet diese Variante allerdings. Letztendlich ist die Wahl des Uhrglases Geschmackssache – den Vintage-Charakter dieses Klassikers fängt man aber natürlich nur mit der Kunststoffglas-Variante ein. Das liegt u.a. auch an der toll umgesetzten Wölbung des Glases, die – passend zum Modell – an einen Planeten erinnert.

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Omega Speedmaster Moonwatch mit gewölbtem Hesalitglas – und dabei trotzdem gut ablesbar

Gewölbtes (bombiertes) Saphirglas kommt übrigens generell eher in hochpreisigen Uhren zum Einsatz, da zusätzliche Produktionsschritte (Schleifen, Fräsen) nötig sind, die natürlich die Kosten in die Höhe treiben. Aktuelle Beispiel-Modelle sind die Oris Divers Sixty Five, der Steinhart Ocean One Vintage Chronograph sowie die Tudor Heritage Black Bay (hier in der Bronze-Variante).

Bild: Oris

Oris Divers Sixty Five, Bild: Oris

Was die drei Beispiele zeigen: Gewölbtes Uhrglas wird gerne eingesetzt, um den Vintage-Charme bestimmter Modelle zu unterstreichen: Im Falle von Oris wurde das erste Taucheruhrenmodell aus den 60ern, im Falle von Tudor ein Modell aus den 50ern als Vorlage genommen und mit dem gewölbten Saphirglas und sonstigen Details originalgetreu neu aufgelegt. Auch das Modell Ocean One Vintage Chronograph von Steinhart ist eine Hommage an die sündhaft teure Vintage-Rolex Daytona „Paul Newman“.

 

Entspiegelung: Beidseitig entspiegeltes Uhrglas – pro und kontra

Insbesondere Saphirglas wird oftmals entspiegelt, um dem Nachteil der starken Lichtbrechung entgegenzuwirken. Hierbei handelt es sich um eine chemisch aufgedampfte Schicht, die entweder nur auf die innenliegende Seite des Uhrglases oder beidseitig aufgedampft wird.

Der übliche Weg, den die Hersteller gehen, ist eine Entspiegelung der Innenseite des Saphirglases. Denn: Eine Entspiegelungsschicht ist immer weicher als das Saphirglas selbst und somit kratzanfällig. Auf den ersten Blick ist die Entspiegelung der Außenseite also eigentlich völliger Quatsch, da ja der größte Vorteil von Saphirglas – die Kratzunempfindlichkeit – vermindert wird.

Trotzdem setzen viele Hersteller darauf: Beispielsweise (fast) alle aktuellen Modelle von Breitling, Sinn, Hanhart, Union Glashütte und viele Modelle von Omega setzen auf eine beidseitige Entspiegelung. Und das hat einen einfachen Grund: Die Ablesbarkeit der Uhr wird extrem erhöht, je nach Blickwinkel hat man sogar das Gefühl, dass gar kein Uhrglas vorhanden ist. In Kombination mit einem hochwertig verarbeiteten Ziffernblatt ist der Effekt meiner Meinung nach einfach grandios und wertet die Optik stark auf.

Breitling Colt A17388 blau

Ja wo isses denn? Breitling Colt mit beidseitig entspiegeltem Saphirglas

Mittlerweile sind die Entspiegelungsschichten teilweise auch so hochwertig, dass Härten um die 1800 HV erreicht werden, was zumindest annähernd Saphirglas entspricht. Im Zweifelsfall sollte man den Hersteller kontaktieren, welchen Härtegrad die äußere Entspiegelungsschicht hat (gemessen in HV, Härte nach Vickers). Hier noch einige HV-Referenzwerte von SINN:

Beispiele für Härten:
Edelstahl : ungefähr 200 bis 240 HV
Titan Grade 2: ungefähr 210 HV
Titan Grade 5: ungefähr 350 HV
Gehärtetes Mineralglas : ungefähr 800 bis 900 HV
Saphirkristallglas : ungefähr 2.000 HV
Diamant: > 4.500 bis 10.000 HV

Die Entspiegelungsschicht kann je nach Betrachtungswinkel auch einen charakteristischen farblichen Schimmer aufweisen. Aktuelle Breitling-Modelle haben z.B. i.d.R. einen bläulichen Schimmer auf dem Uhrglas. Das ist hier gut zu sehen:

Bild: Breitling

Bild: Breitling

Genau dieser bläuliche Schimmer auf den Uhrgläsern wird oftmals kritisiert. Mir persönlich gefällt’s – Geschmackssache eben!

Breitling beschreibt das hauseigene Entspiegelungsverfahren so:

Nach dem für das Einpassen ins Gehäuse notwendigen Abschrägen der Kanten wird das Glas beidseitig chemisch poliert. Nun gelangt es in ein steriles Labor (Weißraum), wo es durch Vakuumverdampfung in einem Ofen entspiegelt wird. Diese beidseitige Behandlung beseitigt 99% der vom Auge wahrgenommenen Reflexe.

Auf der anderen Seite setzt Omega z.B. auf eine farblose Entspiegelungsschicht:

Bild: Pixabay

Omega Seamaster Planet Ocean mit farbloser Entspiegelung, Bild: Pixabay

Interessanterweise setzt Rolex in vielen Modellen gar keine Entspiegelung ein (außer bei der Datums-Lupe). „Built to last“ scheint hier das Kredo zu sein, d.h. der Kunde soll auch nach vielen Jahren von Kratzern verschont bleiben. Das erklärt allerdings nicht, warum Rolex bei vielen Modellen nicht zumindest die Innenseite der Uhrgläser entspiegelt.

Bei Klassikern wie der Rolex Submariner dürfte der Grund allerdings ein recht einfacher sein: Wie bei der Omega Speedmaster Moonwatch will man einfach nah dran am  im Jahre 1953 vorgestellten Originalmodell bleiben, welches logischerweise auch nicht entspiegelt war. Nichtsdestotrotz wird unter Uhrenfans das Warum heiß diskutiert. Der Tenor: Ein bisschen Bling-Bling durch das reflektierende Saphirglas gehöre wohl eben zu einer Rolex dazu…

Bild: Rolex/Cédric Widmer

Rolex Uhrglas mit Zykloplupe, Bild: Rolex/Cédric Widmer

Auch, wenn ich wie gesagt Fan von beidseitig entspiegeltem Uhrglas bin, so muss ich doch eine Lanze für die Rolex Submariner (Referenz 114060) brechen, bei der das Uhrglas überhaupt nicht entspiegelt ist: Die Gesamtoptik ist durch die glänzende Lünette in Kombination mit der sehr weichen Lichtbrechung auf dem dicken Saphirglas sehr stimmig. Auch die Ablesbarkeit ist durch das eher schlichte Ziffernblatt-Design kaum eingeschränkt:

Stimmiges Gesamtbild: Die glänzende Keramiklünette und das Saphirglas der Rolex Submariner

Stimmiges Gesamtbild: Die glänzende Keramiklünette und das spiegelnde Saphirglas der Rolex Submariner

Alles in allem muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, ob man unbedingt beidseitig entspiegeltes Saphirglas haben will oder nicht. Möchte man seine Wunschuhr unbedingt mit beidseitiger Entspiegelung haben, wird dadurch natürlich die Auswahl recht stark eingeschränkt, da die Mehrheit der Uhrenhersteller ganz klar auf die Entspiegelung der Innenseite setzt. Wem das nicht genügt, der kann sein Uhrglas aber auch nachträglich (beidseitig) entspiegeln, z.B. bei Uhrentechnik Uwe Regelmann. Das ist z.B. auch eine Option bei Uhren, deren Entspiegelungsschicht über die Jahre zerkratzt ist, da die alte Entspiegelungsschicht vor der Neu-Beschichtung entfernt wird. Stand Februar 2016 lagen die Kosten inkl. Einbau bei fairen 85€…


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