Uhrenbeweger sinnvoll?

Was rastet, das rostet? Warum ein Uhrenbeweger in den seltensten Fällen sinnvoll ist

Bewegung ist gut für die Gesundheit – das weiß jedes Kind.

Wer rastet, der rostet!

… lautet kurzum die Devise und soll Bürotäter wie mich dazu motivieren, den inneren Schweinehund zu überwinden und etwas mehr Sport zu treiben.

Genau dieser Gedanke wird oftmals auch auf Automatikuhren übertragen, die folglich in elektrische Uhrenbeweger gestopft werden – zu haben sind diese bei Amazon & Co. ab circa 50€.

Das Prinzip ist ganz simpel: Ein elektrischer Uhrenbeweger simuliert die alltägliche Tragebewegung einer Automatikuhr am Handgelenk und zieht diese durch Rotationsbewegungen auf. Dadurch läuft die Automatikuhr weiter, auch wenn sie mal länger als die übliche Gangreserve von ca. 2 Tagen nicht getragen wird.

Zugegeben: Uhrenbeweger können recht dekorativ aussehen und Blicke auf sich ziehen – warum ein Uhrenbeweger allerdings eher selten sinnvoll ist, zeigt dieser Artikel…

 

Kontra: Warum ein Uhrenbeweger meistens nicht sinnvoll ist

Es ist ein leider immer noch weit verbreiteter Irrglaube:

Wenn eine Automatikuhr nicht läuft, geht sie kaputt!

Solche und ähnliche Aussagen findet man leider zuhauf. Mit Blick auf die Kommunikation der Uhrenbeweger-Hersteller und -Händler kann man auch nur zu dem Schluss kommen, dass eine Automatikuhr spätestens nach einer Woche Handgelenk-Abstinenz explodiert oder zumindest in Tausend Teile zerfällt – oder?

Auf YouTube stolpert man zum Beispiel recht schnell auf ein Teleshopping-Video, welches vollgestopft ist mit fast 20 Minuten Halbwissen – hier meine Lieblingszitate:

ich sorge dafür, dass ich weniger Reparaturen an meiner Uhr habe

Das Öl kann verharzen im Werk und dann gehen die Uhren kaputt

Sorgen Sie dafür, dass die Uhr lange in Bewegung bleibt, dann hält sie lange und dann freuen sich Ihre Kinder, Enkel vielleicht über ein Erbstück

Wie man sieht, legen sich die Uhrenbeweger-Hersteller und -Händler ganz schön ins Zeug, um den Kundennutzen zu rechtfertigen. Diverse Internethändler liefern Uhrenbeweger oftmals sogar als Gratiszugabe zu einer Automatikuhr, bieten dafür aber keinen Rabatt auf den UVP. Nicht unbedingt ein guter Deal…

Der Knackpunkt ist nämlich: Ein Uhrenbeweger kann ein automatisches Uhrwerk nicht vor Verschleiß schützen. Uhrenbeweger lassen sich zwar in der Regel so einstellen, dass die Bewegungsrichtung und die Umdrehungen pro Tag einigermaßen auf das Uhrwerk abgestimmt sind und dieses nicht unnötig strapaziert – der Verschleiß wird dadurch aber natürlich nicht verhindert.

Programmierbarer Uhrenbeweger, Bild: Eric Kilby auf Flickr (CC BY-SA 2.0)
Programmierbarer Uhrenbeweger, Bild: Eric Kilby auf Flickr (CC BY-SA 2.0)

Uhrenexperte Roland Ranfft sagt dazu:

Was sich bewegt, das verschleißt, und das gilt gleichermaßen für die Lager und die Triebfeder […] Bei regelmäßiger Wartung halten Uhren zwar fast ewig, aber wenn sie kühl und trocken stehen, noch ewiger.

Der Grund, warum Uhrenbeweger nach wie vor nachgefragt werden, ist der Irrglaube, dass das Schmiermittel (Öl) im Automatikwerk verharzt, wenn die Uhr nicht läuft (auch in besagtem Teleshopping-Video wurde diese Aussage  rausgekramt). Das mag vor einigen Jahrzehnten noch Gültigkeit gehabt haben, als vor allem klassische Öle auf mineralischer, tierischer oder pflanzlicher Basis in Automatikwerken eingesetzt wurden. Auch wenn die Schmierfähigkeit dieser Öle sehr gut war, neigten sie jedoch (z.B. durch die Reaktion mit Sauerstoff) teilweise schon nach kurzer Zeit dazu zu verdicken und letztendlich zu verharzen – auch Additive konnten diese Entwicklung höchstens Verzögern. Kurzum betrifft das Problem verharzender Öle im inneren der Uhr vor allem Modelle aus den 1950ern oder älter.

Spätestens jetzt dürfte auch klar sein, dass es keine gute Idee ist, eine Vintage-Uhr, die noch mit klassischem Öl läuft, auf einem Uhrenbeweger zu quälen: Der Uhrenbeweger könnte zwar dafür sorgen, dass die Uhr einigermaßen stabil läuft, der Verschleiß wäre in Anbetracht fehlender Schmierung aber enorm.

Eine deutlich bessere Idee ist es, der Vintage-Uhr stattdessen eine Revision bei einem professionellen Uhrmacher zu spendieren, der ein modernes Uhrenöl einsetzt: Dem technischen Fortschritt sei dank, werden Uhren heutzutage mit chemisch hergestellten, synthetischen Ölen geschmiert, die eine hohe Alterungsbeständigkeit aufweisen. Ein gängiges Uhrenöl, das Möbius 9010 Synt-A-Lube beispielsweise wird so beworben:

Uhrenöl mit ausgezeichneter Beständigkeit, das weder verharzt, breitläuft noch verdunstet.

Nun könnte man natürlich sagen: Warum muss eine Uhr dann überhaupt jemals zur Revision? Nun, auch hochwertige, synthetische Öle können an den Druck und Lagerstellen trocknen oder mit feinsten Partikeln verschmutzen. Aus diesem Grund wird bei einer Revision u.a. das Uhrenöl erneuert.

 

Pro: Wann ein Uhrenbeweger doch sinnvoll sein kann

Datum, Stoppfunktion und vielleicht noch Wochentagsanzeige – das sind die gängigsten Funktionen von Uhren bzw. Chronographen (neben der Uhrzeit natürlich), die sich auch nach dem Stillstand einer Atuomatikuhr zügig über die Krone einstellen lassen. Einige Uhrenmodelle bieten aber weitere sogenannte Komplikationen, d.h. Zusatzfunktionen wie Mondphase oder ewiger Kalender. Die Einstellung eines ewigen Kalenders beispielsweise ist zwar in der Regel auch keine Raketenwissenschaft…

… aber ein Uhrenbeweger ist sicherlich keine schlechte Idee, wenn man die Uhr im Wechsel mit anderen trägt, da doch ein gewisser Zeitaufwand für das Einstellen nötig ist. Uhren mit ewigem Kalender sind allerdings kaum unter 10.000€ zu bekommen, auch Preise über 100.000€ sind keine Seltenheit. Eine solche Uhr in freier Wildbahn zu sehen, dürfte somit recht selten vorkommen 😉

Ich behaupte daher einfach mal: Tendenziell dürften Leute, die sich eine Uhr mit ewigem Kalender leisten, auch mit höherem Verschleiß und somit höheren Instandhaltungskosten leben können – ein Uhrenbeweger macht in diesem Fall also durchaus Sinn.

Gar nicht mal so günstig: Der Glashütte Original Senator mit ewigem Kalender, Bild: Glashütte Original
Schick und gar nicht mal so günstig: Glashütte Original Senator mit ewigem Kalender, Bild: Glashütte Original

Günstiger sind da schon Uhren mit Mondphasenanzeige: Höherwertigere Modelle mit Automatikwerk sind ab ca. 1500€ zu bekommen, z.B. von Oris. Wer etwas tiefer in die Tasche greifen möchte, kann sich auch z.B. bei Mido, Longines oder Union Glashütte umschauen, die Chronographen mit Mondphase für knapp über 2000€ im Portfolio haben.

Außer Bequemlichkeit gibt es aber alles in allem kaum weitere Gründe einen Uhrenbeweger einzusetzen. Wenn man allerdings bereit ist, höheren Verschleiß und somit höhere Instandhaltungskosten in Kauf zu nehmen und das nötige Kleingeld aufbringen kann/will, ist die Anschaffung eines Uhrenbewegers natürlich legitim. Aus rein rationaler Sicht, ist allerdings davon abzuraten…

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