Meccaniche Veneziane Arsenale Ardesia im Test: Blutjunge Micro-Brand mit Vintage-Flair aus Italien


Ich steh‘ auf Vintage-Style und Used-Look. Uhren wie die Laco Erbstück mit ihren künstlichen Alterungseffekten passen perfekt in mein Beuteschema. Darum fand ich auch die Gründung der blutjungen Micro-Brand mit dem Zungenbrecher-Namen Meccaniche Veneziane spannend, die ihren Sitz in San Donà di Piave in der Region Venetien (Hauptstadt: Venedig) hat. Insbesondere das Modell Arsenale Ardesia weckte trotz dürftiger Bildlage mein Interesse: Italienischer Flair gepaart mit einem aufwendigen Used Look – was kann da noch schief gehen?

Bella Italia oder nur eine weitere Micro-Brand ohne echtes Unterscheidungsmerkmal? Das soll dieser Test zeigen…

Meccaniche Veneziane Maske Original

Meccaniche Veneziane Arsenale und Original Maske aus Venedig

 

Meccaniche Veneziane: Neue italienische Micro-Brand mit Vintage-Flair

Stinkende Kanäle, Touristenscharen, die sich fettige, überteuerte Pizzastücke reindrücken, Taubenplage, versiffte Straßen & Co. – nur wenige Städte dürften solch horrenden Vorurteilen ausgesetzt sein wie die Stadt der Liebe Numero Due: Venedig.

2016 hat es mich trotzdem nach Venedig verschlagen und bis auf die völlig überlaufenen, zentralen Hotspots mit entsprechenden Preisen in den angrenzenden Restaurants und Cafés (Piazza San Marco etc.), kann ich allerdings nichts von diesen Vorurteilen bestätigen: Venedig ist eine Stadt, in die man sich fast schon verlieben muss und eines meiner persönlichen Reisehighlights überhaupt – zumindest, wenn man Zuhause auch schon etwas vorplant und z.B. die Tickets für den Dogenpalast und die Basilica di San Marco online kauft (außer man hat Spaß daran in der prallen Sonne stundenlang auf Einlass zu warten).

Bevor das hier aber zu einem Reisebericht ausufert, lasse ich einfach noch ein paar Bilder sprechen (wer den Blogger findet, darf ihn behalten).

Venedig ist nicht nur bekannt für seine Kanäle, Gondeln und das wunderschöne architektonische Erbe, sondern auch für seine Glasbläser-Kunst: Wer in Venedig Urlaub macht, sollte unbedingt zur Glasbläserinsel Murano tuckern, dabei aber einen entsprechend gut gefüllten Geldbeutel für allerlei Glas-Nippes mitbringen. In diesem Zusammenhang hat Venedig auch eine lange Uhrmachertradition – im 13. Jahrhundert wurden dort u.a. Sanduhren für die Marine produziert 😉

Marine sandglass wm

Bild: Nathaniel Bowditch and Jonathan Ingersoll Bowditch [Public domain], via Wikimedia Commons

Namensgeber des hier getesteten Modells Meccaniche Veneziane Arsenale ist das gleichnamige, sogenannte Arsenal – die Schiffswerft und Flottenbasis der ehemaligen Republik Venedig. Vor der Industrialisierung war das Arsenal der größte Produktionsbetrieb für Schiffe in Europa und wurde so zum großen Vorbild für andere Marinearsenale. Satte 500 Jahre vor der Industrialisierung konnte im Arsenal ein komplettes Schiff an nur einem Tag gebaut werden (!). Das Arsenal war somit durch den flotten, fließbandartigen Bau von Handels- und Kriegsschiffen das Herz der mächtigen Seemacht Venedig. Heute lohnt sich der Besuch des Arsenals v.a. wegen des dortigen Schiffsmuseums.

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Arsenale di Venezia, Bild: Janericloebe [Public domain], via Wikimedia Commons

Das ganze geschichtliche Pipapo rund um das Modell Arsenale passt in der Summe wie die Faust auf’s Auge: Die junge Micro-Brand Meccaniche Veneziane erzählt eine (manchmal leicht übertriebene, aber dennoch glaubwürdige) Markengeschichte rund um venezianische Tradition und Nautik-Historie. Ob auch die Qualität der Uhren stimmt, schauen wir uns jetzt an…

Meccaniche Veneziane Arsenale Ardesia Made In Italy Micro-Brand Meccaniche Veneziane Arsenale Ardesia Made In Italy Micro-Brand

Meccaniche Veneziane Arsenale Ardesia im Test: Used Look im Hafenarbeiter-Stil

Starten wir direkt mit dem, was die Meccaniche Veneziane Arsenale ausmacht und am stärksten von anderen Micro-Brands abhebt: Die intensive Vintage-Behandlung des schwarz-beschichteten Gehäuses: Durch Sandstrahlen und weitere manuelle Behandlungsschritte wird der Arsenale eine natürlich wirkende Turbo-Alterung verpasst, die durchaus für Aha-Effekte sorgt und in der Form sehr selten anzutreffen ist.

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Bild: Meccaniche Veneziane

Das Endergebnis ist ein Vintage-Look, der zwar nicht ganz mit der aufwendigen Bearbeitung einer Laco Erbstück Beobachtungsuhr mithalten kann, aber dennoch mit Liebe zum Detail umgesetzt wurde und vor allem glaubwürdig rüberkommt. Wenn man es nicht besser weiß, könnte man tatsächlich denken, dass die Uhr tagein tagaus von einem venezianischen Hafenarbeiter bei harter Schwerstarbeit getragen wurde:

Auch die 45mm Gehäusedurchmesser (53mm Horn-zu-Horn, 24mm Bandanstoß) und das brachial-schlichte Waffelzifferblatt mit applizierten Indizes unterstreichen die rohe Arbeiter-Optik hervorragend:

Meccaniche Veneziane Micro-Brand Waffel-Zifferblatt Meccaniche Veneziane Micro-Brand Waffel-Zifferblatt

 

Satte 4 mm dickes, gewölbtes Saphirglas schützt das Ziffernblatt – das sorgt (passend zum Nautik-Thema) insbesondere von der Seite für einen charakteristischen Bullaugeneffekt:

Meccaniche Veneziane Arsenale Vintage Lünette Bezel

 

 

In der Meccaniche Veneziane Arsenale tickt ein japanisches Miyota 821A mit einer Schlagrate von 21600 bph und 40 Stunden Gangreserve. Das Miyota 821A wird seit satten 40 Jahren produziert und gilt als robuster Traktor in günstigeren Automatikuhren. Auf der Website von Meccaniche Veneziane wird das Werk sogar mit dem ETA 2824 verglichen – das ist allerdings recht optimistisch und trifft eher auf den großen Bruder, das Miyota 9015, zu: Dem Miyota 821A fehlt leider die höhere Schlagrate (Miyota 9015 und ETA 2824 = 28800 bph, wodurch der Sekundenzeiger flüssiger läuft und die Genauigkeit höher ist), der Handaufzug und der Sekundenstopp bei gezogener Krone. Hinsichtlich Stoßsicherung (ParashocStoßsicherung) nehmen sich Miyota 821A und ETA 2824 allerdings nichts.

In Anbetracht des Preises der Meccaniche Veneziane Arsenale (UVP 569€), hätte ich mir durchaus ein Miyota 9015 oder zumindest ein Seiko NH35 gewünscht, welches ich in meinem letzten Test der Marc & Sons MSD-045 für gut befunden habe.

Die Ganggenauigkeit des Miyota 821A wird auf der Website von Meccaniche Veneziane mit -20 ~ +40 s/Tag angegeben. Das ist der Standardwert, der von Miyota angegeben wird – für Ganggenauigkeitsfanatiker natürlich ein Ausschlusskriterium. Wie die Meccaniche Veneziane Arsenale de facto einreguliert ist, zeigt die Messung mit dem FC Analytics Clip und der Timegrapher App für iOS: der Vorlauf beträgt +10 Sekunden pro Tag. Die Genauigkeit reißt also keine Bäume aus, ist aber in einem noch vertretbaren Bereich.

Ein echter Augenschmeichler ist die Rotor-Modifikation des Miyota 821A im Modell Arsenale: Der mit Genfer Streifenschliff versehene Rotor ist aus Messing und damit schwerer als der Standard-Rotor. Das sorgt für einen effizienteren Aufzug der Uhr am Handgelenk und v.a. für eine ziemlich geniale Optik:

Meccaniche Veneziane Miyota 8215 Messing Rotor Gehäuseboden Meccaniche Veneziane Miyota 8215 Messing Rotor Gehäuseboden

Übrigens: Das eingravierte Kreuz auf dem Rotor, welches auch Teil des Markenlogos von Meccaniche Veneziane ist, wurde treffenderweise dem Torre dell’Orologio (Uhrturm) am Markusplatz in Venedig entliehen, welcher v.a. für die charakteristische, astronomische Uhr mit ihrem Zifferblatt aus Lapislazuli berühmt ist. Grund genug euch noch ein Urlaubsbild von mir unterzujubeln 😉

Torre dell'Orologio Uhrturm Venedig Markusplatz

Torre dell’Orologio (Uhrturm) am Markusplatz in Venedig

Bleiben wir bei optischen Leckerlis: Die Lünette der Meccaniche Veneziane Arsenale kommt mit erhobenen, nietenartigen Indizes, die an die Schrauben von Bullaugenfenstern erinnern und damit perfekt zum maritimen Thema der Arsenale passen – eccellente!

Nur ein Wermutstropfen trübt den guten optischen Eindruck von der Lünette: Der Drehwiderstand ist für meinen Geschmack zu niedrig – beim Stellen der Uhrzeit über die (verschraubte) Krone dreht ein Mister Wurstfinger wie ich schnell aus Versehen die Lünette gleich mit.

Das Lederband im extremen Vintage/Destroyed-Stil sieht auf den ersten Blick zwar knüppelhart aus – das ist es aber zum Glück nicht. Das hochwertige Lederband mit seiner wie Faust auf’s Auge passenden Optik stammt von einem Hersteller aus einem bekannten Gerberviertel in der der Toskana, der auch für deutlich hochpreisigere Marken wie Panerai oder U-Boat Armbänder produziert. Entsprechend lecker riecht auch das Leder, da es ausschließlich natürlich behandelt wird.

Wer mit der Meccaniche Veneziane Arsenale auf Tauchstation gehen will (20 bar Wasserdichtigkeit ✅), sollte das kostenlos beiliegende Kautschukband (inkl. eigener Schließe) montieren. Gut: Das Kautschuk riecht Null Komma Null nach Chemiekeule und ist sehr weich und anschmiegsam.

 

Eigentlich viel zu schade für die Ecke, in der sonst meine ganzen Uhrenboxen verstauben dürfen, ist die Box der Meccaniche Veneziane aus echtem, geöltem Walnuss-Holz – ebenfalls Made in Italy aus dem Chair District in Friuli Venezia Giulia, das bekannt ist für seine Holzverarbeitungsindustrie. Aus der Kategorie „Fun Facts“: Im Chair District befindet sich auch die größte Stühleproduktion der Welt – wer hätt’s gedacht?

Meccaniche Veneziane Walnuss Box

 

Fazit zur Meccaniche Veneziane Arsenale Ardesia: Einstand gelungen!

Meccaniche Veneziane – yet another micro brand? Nein, definitiv nicht: Mit dem Modell Arsenale Ardesia hat Meccaniche Venezia einen beachtenswerten Einstand gegeben und mit dem handgefertigten Used Look eine (vielleicht nicht revolutionär neue, aber durchdachte) eigene Idee eingebracht, um nicht im Einheitsbrei der Uhrenmarken zu versinken. Die Arsenale ist eine Uhr mit einem hervorragendem Fit aus Story und Optik – eine Uhr für echte Männer, die harte körperliche Arbeit verrichten (oder für Bleistiftschubser wie mich, die mit dem Used-Look der Uhr genau das suggerieren wollen  😉 ).

Auch der persönliche Kontakt kommt bei den Italienern nicht zu kurz: Eigentümer und Gründer Alberto Morelli half mir persönlich, unkompliziert und schnell bei Fragen zur Arsenale via WhatsApp weiter. Des Englischen sollte man allerdings mächtig sein.

Das Portfolio der jungen italienischen Marke umfasst neben der hier getesteten Arsenale auch noch die Taucheruhr Nereide und das klassische Modell Redentore in verschiedenen Farben. Ein kompaktes Modellportfolio also, das sicherlich seine Abnehmer finden und hoffentlich in Zukunft weiter ausgebaut wird.

Auf meinem Wunschzettel für kommende Modelle, stehen im Wesentlichen nur zwei Dinge: Zum einen ein genaueres Automatikwerk (z.B. NH35) und zum anderen eine fester montierte Lünette.

Zusammengefasst noch ein treffendes italienisches Zitat – da ich es mir nicht tattoowieren lasse, übernehme ich es auch einfach mal ungeprüft aus dem Internet 😉

Chi ben comincia è a metà dell’opero!

[Gut begonnen, ist halb gewonnen!]

Weitere Taucheruhren von Micro-Brands findet ihr in dieser Marktübersicht – ähnlich brachial-schlicht sind z.B. die Modelle…

Micro-Brands: Uhren mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis und Tipps zur Bestellung im Ausland

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