Guinand: Aus der Schweizer Provinz in die deutsche Metropole – Chronograph 60.50-T2 im Test 3


Willst du eine „echte“ Sinn, musst du Guinand kaufen.

Über solche und ähnliche Posts von Uhrenfans stolpert man hier und da bei der Recherche nach Guinand-Uhren. Der Grund: Uhrenpionier Helmut Sinn war nicht nur Gründer der gleichnamigen Frankfurter Spezialuhrenschmiede, sondern hat auch dem Traditionsunternehmen Guinand seinen Stempel aufgedrückt. Auf der anderen Seite liest man in älteren Foren-Diskussionen auch die eine oder andere kritische Stimme, dass Guinand „altbacken“ und – trotz Markengesicht Helmut Sinn – „farblos“ sei.

Seit Ende 2015 steht Guinand unter neuer Führung – und der neue Inhaber Matthias Klüh bringt ordentlich frischen Wind rein, ohne dabei das Kredo von Helmut Sinn aus den Augen zu verlieren, nämlich „die beste Uhr, zum besten Preis“ zu verkaufen.

In diesem Artikel beleuchte ich daher die langjährige Geschichte der Uhren-Marke Guinand und teste ausführlich ein Schöpfung von „Guinand 2.0“: Den Guinand Sport-Chronograph 60.50-T2.

Kooperation

Die Unternehmensgeschichte von Guinand: Aus der Schweizer Provinz in die deutsche Metropole

Rund 50% Wald und Gehölz, 42 % Landwirtschaft und 5% Siedlungsgebiet. 1000 Einwohner. Was nach Kaff Dorfidylle klingt, ist es auch: Die Gemeinde Les Brenets in der Schweiz, nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt. Mit Blick auf die Uhrengeschichte sollte man das Dörfchen aber nicht unterschätzen – dass ein Ort nicht unbedingt groß sein muss, um Erfolgsgeschichte zu schreiben, zeigt die Stadt Glashütte in Sachsen, die man auch nicht grade als Metropole bezeichnen kann.

Ende des 18. Jahrhunderts begann in Les Brenets die Industrialisierung mit der Einführung der Uhrmacherei – insbesondere viele französische Uhrmacher siedelten sich dort während der französischen Revolution an. So hat in Les Brenets auch heute noch die Uhrenherstellung und die Feinmechanik große Bedeutung. Der Uhrenhersteller Baume & Mercier beispielweise produziert nach wie vor ausschließlich in Les Brenets. Schaut man noch weiter in die Umgebung des Schweizer Bezirkes Le Locle, so stellt man schnell fest, dass viele anderen große Uhrenmarken ihren Ursprung im Herzen des Jura-Gebirges haben, darunter Zenith, Ulysse Nardin und Tissot.

Alles in allem bot das beschauliche Dörfchen auch für die Brüder Julien-Alcide und Charles-Léon Guinand perfekte Rahmenbedingungen, um im Jahre 1865 den Grundstein für das heutige Unternehmen zu legen: Die Firma Guinand Frères („Brüder Guinand“) entstand. Absatzmärkte waren v.a. Frankreich, England, Deutschland, Skandinavien und Amerika.

Gleichzeitig war man aber auch abhängig von diesen Absatzmärkten. Dadurch kam es, dass mit der Wirtschaftskrise in den USA und der Insolvenz eines der Hauptkunden, Guinand in die Krise schlitterte. Einer der Brüder, Julien-Alcide Guinand, warf daraufhin das Handtuch und stieg aus dem gemeinsamen Geschäft aus – der Handel mit Grundnahrungsmitteln, Seife, Waschmittel, Petroleum und anderem Haushaltsbedarf erschien ihm offensichtlich als krisenfester. Der andere Bruder, der talentierte Uhrmacher Léon Guinand, wollte aber nicht so schnell aufgeben und führte das Geschäft weiter.

Léons Idee: Nicht nur ein reiner Uhrenhandel, sondern die Entwicklung eines eigenen Taschen-Chronographen mit Handaufzug, der ab 1881 die ersten Kunden fand. Es folgten weitere Entwicklungen wie ein Chronograph mit Tachymeter-Skala zur Geschwindigkeitsbestimmung sowie einen Rattrapante-Chronograph, bei dem Guinand der absolute Vorreiter war. Eine Rattrapante-Funktion startet über einen separaten Drücker einen zweiten Sekundenzeiger (Schleppzeiger), der mit dem Chronographen-Sekundenzeiger synchronisiert und so „mitgeschleppt“ wird. Zum Stoppen einer Zwischenzeit kann diese Synchronisation unterbrochen werden – der Schleppzeiger zeigt dann die Zwischenzeit an, während der zweite Sekundenzeiger weiterläuft.

Das gute Technik aus dem Hause Guinand kommt, sprach sich schnell herum: Guinand belieferte sogar die französische und italienische Regierung sowie die britische Royal Navy mit Chronographen. Der Preis für einen Chronographen damals: Über 200 US-Dollar, was unter Berücksichtigung von Inflation natürlich kein Pappenstiel für die meisten Otto Normal Kunden war.

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Recht früh erkannte man bei Guinand auch den Trend hin zu Armbandchronographen, welche allmählich die Taschen-Chronographen ersetzten. Guinand stellte die Produktion entsprechend darauf ein…

 

Auf Basis von Léons Ideen und Erfolgen bestand Guinand viele weitere Jahrzehnte als Familienunternehmen. Auch nach dem zweiten Weltkrieg war der Unternehmergeist der Familie Guinand ungebrochen. Dank der Spezialisierung auf komplizierte Chronographen überstand Guinand sogar das große Markensterben in der Schweiz Ende der 1970er-Jahre (Quarzkrise).

Bild: Guinand

Die Belegschaft der Fa. Georges Henri Guinand im Jahr 1930, Bild: Guinand

Hier noch die Firmierungen und beteiligten Familienmitglieder von Guinand bis 1945 in der Übersicht (zum Vergrößern bitte klicken):

guinand-unternehmensfuehrung

Guinand-Unternehmensführung, Bild: Guinand

 

Guinand und die Ära des „eigensinnigen Überfliegers“ Helmut Sinn

Der eigensinnige Überflieger“ titelt die Frankfurter Neue Presse und porträtiert den mittlerweile 100 Jahre alten Helmut Sinn, der so einige spannende Geschichten aus seinem Leben erzählen kann. Der Rallyefahrer, Blindfluglehrer und Pilot gründete 1961 in Frankfurt am Main die Firma „Helmut Sinn Spezialuhren“, um selbst Fliegeruhren mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis zu produzieren.  In Fachkreisen gilt „der schnelle Helmut“ auch als Wegbereiter für mechanische Fliegeruhren mit einem hohen Wiedererkennungswert, die er selbst entwickelte.

Im Jahre 1994 verkauft Helmut Sinn seine Firma an Lothar Schmidt. Helmut Sinn wollte weiter beratend tätig sein, doch es kam zum Streit mit dem neuen Eigentümer: Helmut Sinn verlor den darauffolgenden Gerichtsprozess und bekam sogar Hausverbot. 

Helmut Sinn ließ sich aber nicht unterkriegen: Nicht mal zwei Jahre nach dem Verkauf seiner Firma packte ihn, mittlerweile Ende 70, doch noch mal die Lust einen Fußabdruck in der Uhrengeschichte zu hinterlassen: 1995 übernahm er die Aktienmehrheit der Guinand S.A. von der Familie Guinand und verlegte später den Geschäftsbetrieb nach Frankfurt. Das Ziel dabei war klar: wieder Uhren zu bauen und zu verkaufen, die ganz im Zeichen seines Mottos stehen:

optimal ablesbar, hochwertig und bezahlbar

 

Die Verbindung von Helmut Sinn zu Guinand war dabei nicht zufällig: Bis Mitte der 1990er-Jahre fertigte der Geschäftspartner Guinand einen großen Teil der Sinn-Uhren. Insgesamt bestand die Geschäftsbeziehung zwischen Sinn und Guinand seit 1960, also für rund 35 Jahre.

In den Jahren nach der Übernahme von Guinand konzentrierte sich Helmut Sinn voll auf das Markenportfolio, das neben Guinand auch Chronosport und Jubilar-Taschenuhren umfasste – die Auftragsfertigung für andere Uhrenmarken wurde daher komplett eingestellt.

Guinand Werksverkauf Frankfurt-Rödelheim und Helmut Sinn

Helmut Sinn und der alte Guinand-Werkverkauf, Bild: Guinand

Im Jahre 2014 ist die Marke Guinand allerdings beinahe von der Uhren-Landkarte verschwunden: Nicht nur Helmut Sinn machte nun endgültig aus Altersgründen nicht mehr weiter, sondern auch die sonstigen Gesellschafter. Per Zufall erfuhr der jetzige Inhaber Matthias Klüh von der Lage. Herr Klüh, als gebürtiger Frankfurter eng mit der Region verbunden und in den 80ern selbst begeisterter Sammler von Sinn-Uhren, musste allerdings feststellen, dass zu dem Zeitpunkt der Geschäftsbetrieb schon fast komplett aufgelöst war: außer Kundenkartei, Konstruktionsunterlagen, Uhrenteilen und Markenname war nicht mehr viel übrig. Ein Neustart war also unabdingbar.

 „Ein 150 Jahre altes Start-up“

hat Herr Klüh das Projekt Guinand daher auch genannt…

 

Guinand heute: Frankfurter Uhrenmarke mit Schweizer Tradition

Bisher werden bei Guinand eher kleine Brötchen gebacken: In geringen Stückzahlen von Uhrmachermeistern zusammengebaut, werden die Modelle ausschließlich per Direktvertrieb im Werkverkauf oder per Online-Shop in die ganze Welt verkauft. Konsequenterweise zielt Guinand daher auf Uhrenfreunde ab, die zwar Wert auf eine hochwertige Armbanduhr legen, aber nicht das „Preisschild“ in Form eines klangvollen Markennamens Gassi tragen wollen. Denn: So spannend die Geschichte von Guinand auch ist – die Familie Guinand konnte schlicht keine nachhaltige Markenbekanntheit auf einer breiten Basis aufbauen, da das Unternehmen in der Vergangenheit auf die Auftragsfertigung für andere Marken spezialisiert war (darunter, wie gesagt, auch die Firma SINN).

Guinand Werksverkauf Frankfurt-Rödelheim

Guinand-Werkverkauf in Frankfurt-Rödelheim Bild: Guinand

 

Bild: Guinand

Bild: Guinand

Ein von Uhrenfans oft kritisierter Punkt war die alte Guinand-Website sowie der altbackene Verkaufsraum. In beides wurde zum Glück investiert: Verkaufsraum wie Website sind erfrischend aufgeräumt. Ein nettes Gimmick auf der Website ist auch die 360°-Funktion, welche allerdings bisher nicht für alle Modelle zur Verfügung steht. Ein weiterer Pluspunkt: Gott sei dank verschont Guinand den Kunden von den gefühlt immer weiter um sich greifenden Bildern, die zu 100% von einer PC-Software ausgespuckt werden und kaum realistische Eindrücke von einem Modell vermitteln. Ein Manko auf der Website ist allerdings, dass man die (vielfältig vorhandenen) Armband-Varianten nicht interaktiv an die Uhr „kleben“ kann, um die Gesamtoptik zu bewerten.

Alles in allem habe ich nach einigen persönlichen Gesprächen mit Herr Klüh deutlich gemerkt, dass in Frankfurt-Rödelheim mit viel Herzblut und Engagement daran gearbeitet wird, auf Basis einer spannenden Markenhistorie etwas Nachhaltiges aufzubauen.

 

Test des Sport-Chronographen Guinand 60.50-T2

Nun also zum versprochenen Test des Guinand Sport-Chronographen 60.50-T2 (orange Zeiger) in der Konfiguration mit Chronissimo-Lederband und Edelstahl-Faltschließe. Guinand bewirbt das Modell so:

Die Serie 60.50 basiert auf dem revolutionären Design der 70iger Jahre – schmucklos, robust und perfekt ablesbar. Piloten und Rennfahrer wussten und wissen diese Uhr zu schätzen, denn diese Uhr beschränkt sich auf das Wesentliche – Uhrzeit und Stoppfunktion.

Gehäuse

Rundgelutscht – das war mein erster Gedanke, als ich das Gehäuse näher betrachtete. Und das ist überhaupt nicht negativ gemeint: Die sehr weiche und abgerundete Optik und Haptik passt sehr gut zu der ungewöhnlichen Gehäuseform und hebt sich merkbar von anderen Gehäusen ab, die bewusste „Ecken und Kanten“ haben. Übrigens: Die Gehäuse von Guinand werden in Deutschland entwickelt, konstruiert und gefertigt.

Der nominelle Durchmesser des Chronographen 60.50-T2 beträgt schlanke 40,5mm, was tendentiell eher Leute mit kleineren Handgelenken ansprechen dürfte. Aber auch Freunde großer Uhren am Handgelenk werden schnell feststellen, dass die Uhr mit ihren immerhin 15mm recht hoch baut und dadurch deutlich massiger am Arm wirkt:

Guinand Sportchronograph 60.50-T2

Einziges kleineres Manko beim Gehäuse sind die Gravuren auf dem Gehäuseboden (um den Glasboden herum): Diese werden vor der Satinierung durchgeführt, deshalb erscheinen die Ränder nicht ganz präzise verarbeitet.

Dafür ist die Dekoration des Rotors mit dem Guinand-Logo und dem Gründungsjahr sehr gelungen:

Guinand Sportchronograph 60.50-T2

Eine echte Ansage ist die sehr gute Wasserdichtigkeit von 20bar (geeignet für Tauchgänge mit Ausrüstung). Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt der Blick auf diverse Chronographen der Konkurrenz, die oftmals nicht über 10bar hinauskommen.

Was die Firma SINN in der Kommunikation hervorhebt, ist bei Guinand Standard: In Frankfurt wird jede Uhr vor der Auslieferung bei- 0,7 bar (entspricht ca. 9000m über Meeresgrund) auf Unterdrucksicherheit geprüft, was auch im beiliegenden Qualitätssicherungsprotokoll festgehalten wird.

Bei der allgemeinen Qualitätskontrolle und bei Revisionen beträgt der Testwert sogar -0,8 bar (zyklisch, entspricht ca. 12000m über Meeresgrund)  im Wechsel zu 10 bar Überdruck. Das verbaute Saphirglas des Chronographen 60.50 ist hierzu 1,6 mm dick, damit genügend Fläche für den Sitz des Glases bei Unterdruck besteht.

Hier noch alle Eckdaten zum Gehäuse in der Übersicht:

  • Gehäuse aus Edelstahl, satiniert
  • Glas aus planem Saphirglas, innen entspiegelt
  • Boden geschraubt mit Saphirglas
  • Krone verschraubt, doppelt abgedichtet
  • geschützte Chronographen-Drücker
  • Wasserdichtigkeit/Druckfestigkeit: 20 bar

Maße und Gewicht:

  • Gehäusedurchmesser: 40,5 mm
  • Bandanstoßbreite: 20 mm
  • Gesamthöhe in Mitte der Uhr: 14,9 mm
  • Gewicht ohne Band: 86 Gramm

Ziffernblatt und Zeiger

Perfekt ablesbar ist der Leitgedanke für dieses Modell – und das kann ich auch so unterschreiben: Das Ziffernblatt wirkt aufgeräumt und stimmig, das Ablesen der Uhrzeit ist jederzeit problemlos möglich. Das liegt u.a. an dem Verzicht auf Schriftzüge wie „Automatik“ und auf – nüchtern betrachtet – unnötige Designelemente wie z.B. die exorbitante „12“ beim Longines HydroConquest Chronographen.

Das Ziffernblatt ist außerdem galvanisiert und dadurch UV-beständig, was auch den höheren Preis gegenüber der Grundvariante 60.50-T erklärt.

Deutsch ist eine schöne Sprache! Daher finde ich es auch gut, dass die Wochentagsanzeige (MON, DIE …) in Deutsch gehalten ist. Auch der Schriftzug Hergestellt in Deutschland statt des üblichen Made in Germany macht klar, wo der Hauptanteil der Wertschöpfung geleistet wird.

Gut verarbeitet sind auch die Zeiger: besonders genial finde ich das Orange, das schon neonfarben anmutet:

 

Auch die Ablesbarkeit bei Nacht ist top – hier gibt es nichts zu Meckern:

Guinand Sportchronograph 60.50-T2

 

Werk, Drücker und Krone

Stunde, Minute, Sekunde, 30-Minuten- und 12-Stundenzähler, Datumsanzeige, Wochentaganzeige – so weit, so normal für einen Chronographen. Was aber direkt auffällt:  Die geschützten Chronographen-Drücker des 60.50-T2 schalten sehr knackig – knackiger als bei dem von mir getesten Longines HydroConquest Chronographen, der in einer ähnlichen Preisliga spielt.

Guinand Sportchronograph 60.50-T2

Guinand Sportchronograph 60.50-T2

Toll sind die transparenten Angaben zum Werk auf der Seite von Guinand. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, zeigen z.B. die sehr spärlichen Informationen bei TAG Heuer, wo nicht mal das Basis-Kaliber genannt wird. Dieses wird nur mit dem hauseigenen Namen Calibre 16 verschleiert (letztendlich handelt es sich aber auch um ein ETA 7750, was natürlich eher unsexy klingt).

Das im Guinand Chronograph 60.50-T2 verbaute ETA Valjoux 7750 Automatikwerk gilt in der Uhrenwelt als zuverlässiger Traktor unter den Chronographen-Werken. Guinand punktet zusätzlich mit einer hervorragenden Ganggenauigkeit von +2 Sekunden pro Tag, was neben weiteren Qualitätssicherungskriterien wie Wasserdichtigkeit oder Staubeinschluss in einem Prüfprotokoll dokumentiert und dem Kunden mitgesendet wird.

Wer das Werk noch weiter pimpen will, kann sich für einen Aufpreis von 95€ eine Glucydur-Unruh einbauen lassen. Der Vorteil: Die Glucydur-Unruh reagiert nicht so stark auf Temperaturschwankungen und Magnetfelder wie eine Nickelunruh. Ganggenauigkeits-Fans werden an diesem Upgrade also sicher ihre Freude haben.

  • 25 Rubinlagersteine
  • 28.800 Halbschwingungen pro Stunde
  • Schweizer Ankergang
  • Sekundenstopp
  • stoßsicher nach DIN 8308
  • antimagnetisch nach DIN 8309
  • Werkdurchmesser 13 1/4″“ (30,4 mm)
  • Incabloc-Stoßsicherung
  • einseitig wirkender automatischer Aufzug, kugelgelagerter Rotor, Schwungmasse aus Schwermetall
  • Gangreserve ca. 40 Stunden
  • Werk dekoriert, gebläute Schrauben, Rotor mit Guinand-Gravur
  • Rückersystem ETACHRON und Rückerkorrektor

 

Armband und Schließe

Für den Guinand Sportchronographen wählte ich die Konfiguration mit Faltschließe (+45€) und das Chronissimo-Armband (+23€). Alles in allem ist die Auswahl auf der Website von Guinand sehr umfangreich: Neben den diversen (Standard-)Farben gibt es z.B. auch Varianten mit Kroko-Prägung, rustikale Armbänder etc. Das Chronissimo-Band hat mir aber mit Abstand am besten gefallen und ich wurde nicht enttäuscht: Das Band ist hochwertig verarbeitet, weich und integriert sich perfekt in die ungewöhnliche Gehäuseform. Dadurch bleibt man von Lücken zwischen Bandanstoß und Gehäuse verschont, das Gesamtbild wirkt stimmiger.

Die Faltschließe ist stabil und tut was sie soll. Prädikat: Gut, aber nicht überragend.

 

Box und Inhalt

Der Chronograph 60.50-T2 kommt in einer schicken Aluminium-Box. Das bereits erwähnte handgeschriebene Mess- bzw. Qualitätssicherungs-Protokoll unterstreicht außerdem, dass die Guinand-Uhren keine Massenware sind und jede einzelne intensiv geprüft wird.

Guinand Sportchronograph 60.50-T2 Guinand Sportchronograph 60.50-T2

 

Fazit, Einschätzung & Preis-Leistungs-Verhältnis

Der hier getestete Guinand Sport-Chronograph 60.50-T2 in der Konfiguration mit Chronissimo-Lederband und Edelstahl-Faltschließe schlägt mit insgesamt 1458€ zu Buche. Der Grundpreis des Modells beträgt 1390€, die Faltschließe (45€) und das Chronissimo-Armband (23€) sind aufpreispflichtig.

Berücksichtigt man die sicherlich deutlich geringeren Stückzahlen im Vergleich zu vielen anderen Herstellern, sind die Preise der Modelle von Guinand durchaus mit Augenmaß kalkuliert (der Marketing-Geek verweist hier auf Skaleneffekte). Durch den Direktvertrieb findet auch keine Verwässerung der Preise statt – Rabatte jenseits der 20% sind bei vielen Uhrenmarken ja Gang und Gäbe, was berechtigte Zweifel an einem sinnvoll gesetzten UVP aufkommen lässt.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist in der Summe gut: Insbesondere sind hier die sehr gute und weiche Gehäuseverarbeitung, die ins Auge stechenden orangenen Zeiger und das top einregulierte Automatikwerk inkl. knackig schaltender Drücker hervorzuheben.

Kleinere Schwächen erlaubt sich der Guinand Sportchronograph 60.50-T2 nur bei der Gehäuseboden-Gravur und bei der Faltschließe (einfache Lösung: Die Dornschließe nehmen). Darüber hinaus muss dem Kaufinteressierten natürlich bewusst sein, dass man mit der Marke Guinand keine großen Aha-Effekte erwarten darf, wenn man sich über den Handgelenk-Schmuck Nr. 1 austauscht – dafür ist die Markenbekanntheit von Guinand einfach nicht ausgeprägt genug. Unter Uhrenfreaks und Sinn-Fans wird das Interesse an der Wiederauferstehung der Marke Guinand aber umso größer sein – und vor dem Hintergrund der sehr langen Historie gibt es auch genug zu erzählen. Kurzum: Mit Guinand kauft man Understatement pur.

 

Quo vadis, Guinand?

Meine Meinung dazu, ob Guinand auf dem richtigen Weg ist, möchte ich euch natürlich auch nicht vorenthalten.

Während sich andere Uhrenmarke für viele Millionen teure Markengesichter anlachen, die ihre Uhren auf dem roten Teppich oder in sonstigen Glamour-Welten in die Kamera halten, hat Guinand derzeit noch völlig gratis einen nicht zu verachtenden „Sinn-Bonus„: Bodenständig, sympathisch, ein bisschen sportlich und vor allem ohne Star-Allüren. Mit Blick in diverse Foren funktioniert das bisher tadellos – der Vertrauensvorschuss der Fangemeinde ist offenbar nicht unwesentlich.

Das ist gleichzeitig Chance wie Risiko: Auf der einen Seite bieten die Sinn’schen Gene natürlich eine perfekte Ausgangsbasis für den neuen Inhaber, um eine nachhaltige Markenidentität zu schaffen. Auf der anderen Seite aber, muss die Markenpositionierung von Guinand wohl oder übel irgendwann auch ohne den Bezug zu Helmut Sinn funktionieren.

Ich bin guter Dinge, dass Herr Klüh das gelingt und werde die Entwicklung von Guinand gerne weiter verfolgen. Denn: Die Abgrenzung von der Marke SINN kann meiner Meinung nach auch langfristig funktionieren. Während sich SINN zunehmend deutlich Richtung technologischer Vorzüge positioniert und das entsprechend kommuniziert (z.B. „SINN als Ausrüster der Kommando Spezialkräfte (KSK) der Marine„), besinnt sich Guinand auf die Vorzüge, die die Uhrenmarke SINN einst unter der Federführung von Helmut Sinn groß gemacht haben: Kein Schicki-Micki, kein Schnick-Schnack, fair bepreist.

Dass Guinands Weg genau der richtige ist, unterstreicht der Erfolg des limitierten Guinand Chronographen HS100, der im September 2016 zum 100. Geburtstag von Helmut Sinn aufgelegt wurde: Das auf 100 Stück limitierte Modell mit sportlichen Akzenten war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft – ein durchaus beachtlicher Erfolg. Gut finde ich auch, dass die limitierte Aktion nicht „verwässert“ wird, indem aufgrund des Erfolges einfach noch weitere Uhren bzw. sehr ähnlich aussehende Modelle nachgeschoben werden.

 

Bevor es an die Alternative zur Guinand 60.50-T2 geht, hier noch einige Wristshots:

Die Alternative: Sinn 144 St Sa

Auch beim Chronographen SINN 144 St Sa ist das Sinn’sche Uhrendesign unverkennbar. Genau wie der hier getestete Guinand Chronograph 60.50-T2 läuft auch das Modell Sinn 144 St Sa unter dem Titel Sportchronograph. Bei einem Vergleich der beiden Modelle braucht man definitiv nicht zwei mal hinschauen, um die Ähnlichkeiten zu erkennen:

Sinn 144 St Sa Sportchronograph

Sinn 144 St Sa, Bild: Sinn

Datums-/Wochentagsanzeige, Chronographendrücker und Krone, das in das Gehäuse integrierte Lederarmband, die Gehäuseform, Zeiger und Ziffernblatt sehen sich verdammt ähnlich. Auffälligster Unterschied sind noch die Stunden-Ziffern bei der Guinand 60.50-T2 – bei der Sinn 144 St Sa finden sich hier nur Strichindizes. Dass die Ähnlichkeit aufgrund der gemeinsamen Historie mit Helmut Sinn kein Zufall ist, dürfte klar sein.

Preislich muss man die SINN 144 St Sa allerdings mit der Guinand 60.50-T (ohne farbigen Sekundenzeiger) vergleichen, da beide Modelle kein galvanisiertes Ziffernblatt haben: Die Guinand 60.50-T ist immerhin über 400€ günstiger als die Sinn 144 St Sa, welche 1720€ am Lederband (ohne Extras) kostet.

SINN setzt in den letzten Jahren verstärkt darauf, die technischen Vorzüge und die Robustheit der Modelle hervorzuheben. So ist auch für das angebotene Modell Sinn 144 St Sa z.B. die sogenannte Ar-Trockenhaltetechnik aufpreispflichtig zubuchbar (160€). Hierdurch soll der Alterungsprozess im Inneren der Uhr reduziert werden. SINN schreibt:

Die Ar-Trockenhaltetechnik löst ein grundsätzliches Problem mechanischer Uhren: die Alterung der Öle auf Grund von enthaltener und/oder nachdiffundierender Luftfeuchtigkeit im Inneren der Uhr. Mit Hilfe der drei Elemente der Ar-Trockenhaltetechnik (Trockenkapsel, EDR-Dichtungen, Schutzgasfüllung) wird das Uhrwerk in einer nahezu trockenen Atmosphäre gelagert. Alterungsprozesse und Anlaufen des Deckglases bei Kälteschocks werden verhindert, Funktionssicherheit und Ganggenauigkeit bleiben länger erhalten.

Klingt soweit natürlich durchaus sinnvoll. Der Nachteil: Eine spätere Revision verteuert sich, da die kleinen mit Kupfersulfat gefüllten Gaskapseln in der Uhr mit ersetzt werden müssen. Der Nutzen solcher und anderer Sinn-Gimmicks wird außerdem heiß unter eingefleischten SINN-Fans diskutiert. Der Tenor wird allerdings von einem Nutzer im SINN-Uhrenforum auf den Punkt gebracht:

Für SINN ist der Mehrwert wohl am größten. Langfristige Kundenbindung […], höhere Wertschöpfung beim Service etc.

Abschließend lasse ich noch den Marketing-Geek raushängen: De facto will sich SINN natürlich mit diesen Technologien ein Alleinstellungsmerkmal schaffen. Das ist aus Marketing-Sicht unabdingbar: Ein Alleinstellungsmerkmal sorgt z.B. dafür, dass ein Hersteller einen höheren Preis aufrufen kann, indem die Abgrenzung vom Wettbewerb klar erkennbar wird. Offenbar kommt der Nutzen der SINN-Gimmicks allerdings nicht bei allen an – verständlich, denn schließlich werden die wenigsten Endkunden in ihrer Freizeit den Uhren alles an Robustheit abverlangen, wie das z.B. Berufs-Taucher oder Soldaten tun.

Alles in allem ist aber sicherlich sowohl für das Konzept von Guinand, als auch für das Konzept von SINN Platz am Uhrenmarkt…


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3 Gedanken zu “Guinand: Aus der Schweizer Provinz in die deutsche Metropole – Chronograph 60.50-T2 im Test

  • Steven Altstädt

    Danke für die aufschlussreichen Infos. Ich bin kein Sinn Fan, aber war immer mal am schauen in deren Sortiment. Für mich ist das somit sehr Interessant und macht mich Neugierig. Ich finde Microbrands sehr attraktiv weil Sie eben nicht die Masse bedienen. Sprösslinge mit Understatement wie dieser oder zB. auch Ennebi ( Panerai) sind für mich Perfekt. Uhren die noch nicht mit rein Kommerziellen Gedanken entstehen, sondern noch die Leidenschaft zur Technik aufzeigen.

    VG Steven

  • J.E.

    Ein sehr interessanter Bericht über GUINAND. „Chapeau“ 🙂
    Ein kleiner Kritikpunkt ist mir allerdings missfallen!
    Sie bemängeln die Faltschließe am Lederband der 60.50-T2 mit dem Zitat: Die Faltschließe ist stabil und tut was sie soll. Prädikat: Gut, aber nicht überragend.
    Was ist denn bei dieser Faltschließe Ihrer Meinung nach nicht „überragend“???
    Ich trage genau diese an meiner GUINAND HS 100 und bin sehr zufrieden mit der außerordentlich guten Verarbeitung und der Handhabung. Als Uhrensammler bin ich im Besitz von einigen hochwertigen Uhren und selbst Breitling kann sich an der gebotenen Qualität der Faltschließe eine Scheibe abschneiden. Aufgrund dessen kann ich Ihre Kritik in keinster Weise nachvollziehen. Wer baut denn dann Ihrer Meinung nach „noch“ bessere Faltschließen???

    Die Marke GUINAND zeigt einmal mehr das hochwertige Uhren nicht automatisch teuer sein müssen.
    Bei den meisten Schweizer Uhrenmanufakturen bezahlt man am Ende in der Hauptsache doch nur den Namen!!!
    Dem Uhrenliebhaber dem nur die Marke wichtig ist, ist im Grunde kein Liebhaber sondern meist ein „Angeber“!

    • Mario Autor des Beitrags

      Hallo!

      Vielen Dank für Ihren Kommentar und die Kritik.
      Guinand-Uhren sind auf jeden Fall ein Geheimtipp und insbesondere auch die HS100 gefällt mir sehr gut.
      Allerdings bleibe ich aufgrund meiner Erfahrungen bei meiner persönlichen Meinung bezüglich der Faltschließe: Für das Preissegment geht die Qualität in Ordnung, ich habe aber definitiv schon bessere gesehen, z.B. die Faltschließe der aktuellen Breitling Colt und die Faltschließe der TAG Heuer Black Phantom (z.B. etwas massivere Haptik, bessere Druckpunkte, feinere/aufwendigere Logo-Prägung).
      Nichtsdestotrotz hat sich der Guinand Chronograph 60.50-T2 im Test das Prädikat „empfehlenswert“ natürlich absolut verdient.

      Viele Grüße
      Mario