In eigener Sache: Über das Bloggen, SEO, Advertorials, Follower-Kauf, Kommentarspam & Co. 9


Chrononautix.com gibt es jetzt seit über einem Jahr. Knapp über 100 Blog-Beiträge sind schon auf dem Zähler und für einen schicken Wristshot mache ich mich nach wie vor gerne zum Horst, was von meiner Frau hier und da heimlich mit peinlichen Fotos dokumentiert wird (siehe Titelbild).

Zeit für einen kleinen Artikel über diverse Erfahrungen, die ich gemacht habe. Oder um es anders zu sagen: Das eine oder andere muss jetzt einfach mal raus…

Der etwas andere Eisbrecher auf der Baselworld 2017

Auf der Baselworld 2017 wurde ich von einem Uhrenhersteller offen gefragt, was mich von anderen Uhrenseiten unterscheidet. Ich muss zugeben, dass ich darauf nicht vorbereitet war, die Frage ist aber natürlich legitim: Was ist überhaupt die Daseinsberechtigung meines Blogs?

Letztendlich konnte ich dann aber doch recht schnell eine Antwort geben, indem ich mich an meine Idee für einen Blog vor einem Jahr zurückerinnert habe: Ich wollte stets intensiv recherchierte Inhalte und Marktübersichten sowie umfangreiche (geschichtliche) Hintergründe zu großen, aber auch unbekannteren Uhrenmarken bieten. Außerdem habe ich mir auf die Fahne geschrieben nur eigene Inhalte zu produzieren, d.h. keine Pressemeldungen von Herstellern unkommentiert zu übernehmen oder gar eine Plattform für Advertorials gegen Bezahlung zu bieten.

Letzteres kann ich mir „leisten“, da ich mein Brötchen mit einem „ganz normalen“ Vollzeit-Bürojob verdiene, der Null Komma Nix mit der Uhrenbranche zu tun hat (wer mal mit mir über Fabrikautomation, Industrie 4.0, Sensorik & Co. reden will, darf mich natürlich auch gerne kontaktieren ). Chrononautix.com ist und bleibt mein Hobby, weshalb ich diesen Blog auch nicht mit Werbung oder drölfmillionen Affiliate-Links zukleistern muss, um „auf Teufel komm raus“ Geld zu verdienen – die wenigen Banner & Co. auf chrononautix.com decken grade so die Ausgaben für meinen Hoster, WordPress-Theme, Plugins etc.

Meinen Leitsätzen bin ich denke ich treu geblieben und ich konnte die entsprechende Antwort auf die Frage des netten Herren auf der Baselworld geben – aber genug über mich…

Baselworld 2017 Halle 1: Nomos, Porsche Design, Alexander Shorokhoff, Alpina, Frederique Constant, TAG Heuer und Swatch-Rundgang (Teil 1/2)

Erfolg vom Reißbrett: Aus dem Boden gestampfte Uhrenseiten

Letztendlich diskutierte ich mit besagtem Uhrenhersteller auf der Baselworld auch noch kurz über die Bloggerlandschaft und Uhrenseiten im allgemeinen. Der Hersteller und ich waren uns schnell einig: Unabhängige, private Blogger, die mit viel Leidenschaft zum Thema Uhren schreiben, kann man in Deutschland quasi an einer Hand abzählen. Als positives Beispiel sei z.B. der Blogger-Kollege  genannt, auf dessen Vintage-Uhren-Blog zeigr.com ich immer wieder gerne stöbere. Oder Herr Strohms Uhrsachen, der seine Artikel mit viel Witz und Charme verfasst und sich ebenfalls ganz klar gegen den Verkauf redaktioneller Inhalte (Advertorials) positioniert. Daumen hoch!

Fragwürdige Uhrenseiten gibt es im Kontrast dazu leider zuhauf: Allzu oft werden rein auf Suchmaschinenoptimierung ausgelegte Seiten von Agenturen aus dem Boden gestampft, die keinen nennenswerten eigenen Content bieten. Das Ziel: Traffic, Traffic, Traffic! Natürlich versuche auch ich ein Stückweit die Regeln des SEO zu beherzigen – welcher Blogger will schließlich nicht, dass seine Artikel gefunden und gelesen werden?

Wenn ich allerdings auf einer Seite fast ausschließlich über 1:1 kopierte Pressemeldungen der Hersteller oder einfach nur auf Verlinkungen zu Zeitungsartikeln stolpere, darf man durchaus anzweifeln, ob die Uhrenseite unter dem Credo Leidenschaft für Uhren entstanden ist oder ob das Oberziel hier nicht eher der möglichst schnelle Verkauf von Werbeplatz ist (was natürlich nur möglich ist, wenn ein gewisser Traffic vorhanden ist).

Dabei ist das plumpe Kopieren von vorgefertigten Pressemeldungen der Hersteller noch die harmloseste Variante, um mit der Brechstange „Content“ ins Internet zu prügeln

Roller bar mouse 2

Der untere Teil dieser Tastatur reicht vielen Seiten offenbar, um „Content“ zu produzieren. Bild: Blaua [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Advertorials & Affiliate-Seiten: Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins

Vor kurzem wurde ich mit einer fragwürdigen E-Mail angeschrieben, ob ich nicht eine neue Uhren-Seite promoten wolle, man würde mir auch einen vorgefertigten Text zur Verfügung stellen. Wow, das ist ja nett… nicht! Solche nervigen Advertorial-Anfragen bekomme ich viel zu oft. Von mir gibt es dann immer direkt eine Absage, da ich einfach aus Prinzip keine Advertorials gegen Bezahlung anbiete. Und daran wird sich auch nichts ändern. Punkt. Aus. Basta.

Auf konkret diese beschriebene Anfrage habe ich aber einfach gar nicht geantwortet. Das lag nicht etwa an der völlig lächerlichen Bezahlung (da ich wie gesagt ohnehin keine bezahlten Advertorials durchführe) – konkret ein 20€ Chinabomber – sondern an nie dagewesener Dreistigkeit: Die zu bewerbende Website war eine 100-prozentige Amazon-Affiliate-Seite, getarnt als Webshop und SEO-technisch durchoptimiert von einem Betreiber, der sich in seiner E-Mail-Anfrage als budgetarmer Nischenanbieter präsentierte und gleichzeitig Autor eines Buches für Amazon-SEO ist. Zwei Minuten googeln lohnt sich immer wieder…

Follower-Kauf auf Instagram & Co.: Mehr Schein als Sein

Ein Job als Influencer (falls man das überhaupt einen Job nennen kann ) erscheint natürlich durchaus verlockend: Ab und zu mal ein Bild von der Couch, beim Shopping oder vom Baggersee aus posten und schon rollt der Rubel: Auf Instagram kann ein ernstzunehmender Influencer mit über 50.000 Followern inklusive Marken-Nennung einen Ertrag von 1.000 Euro aufwärts erzielen – pro Post (!) wohlgemerkt.

Auch, wenn sicherlich noch mehr hinter dem Job eines Influencers steckt: Die möglichen Erträge wecken natürlich bei vielen Begehrlichkeiten, um selbst auch den schnellen Euro zu verdienen. Das ruft flächendeckend Nachahmer auf den Plan: Instagram verzeichnet aktuell etwa 700 Millionen aktive Nutzer pro Monat, Tendenz steigend.

Einen kritischen Blick auf die Influencer-Maschinerie im Zusammenhang mit der Uhrenmarke Kapten & Son gibt es in diesem Artikel, den ich vor einiger Zeit verfasst habe:

Kapten & Son und die Influencer-Maschinerie: Ein Häppchen Lifestyle für Jedermann

Warum ich das alles erzähle? Nun, einer meiner „Lieblings“-Möchtegern-Influencer im Bereich hochwertiger Uhren brüstet sich in den sozialen Medien ganz ungeniert mit einer Reihe von Meilensteinen (insbesondere monetärer Natur) sowie einer geknackten Follower-Grenze bei Instagram, die meine um einen Faktor >10 übersteigt. Gratulation! Oder nicht?

Der Knackpunkt: Die Interaktionen auf seine Bilder entsprechen dem eines Kleinst-Accounts. Ein Schelm wer böses dabei denkt: Je mehr das Thema Influencer Marketing an Bedeutung gewinnt, umso mehr schwarze Schafe versuchen sich durch gekaufte Instagram Follower ins Gespräch zu bringen. Interaktionen liefern diese gekauften Follower natürlich nicht…

Kaum vorstellbar, dass Unternehmen auf sowas reinfallen und direkt einen Scheck getreu dem Motto Shut Up and Take my Money! ausstellen. Denn: Ein kurzer Blick auf Seiten wie Social Blade & Co. reicht oftmals aus, um die entsprechenden Accounts zu überführen…

Leider scheinen auch einige Micro-Brands ungeduldiger Natur zu sein: Schon oft habe ich beobachtet, dass eine brandneue Facebook-Seite einer Jung-Marke innerhalb weniger Tage viele Tausend Seitenlikes anhäuft, aber nur einstellige Likes auf Beiträge bekommt…

Und täglich grüßt die Kommentarfunktion

Mehrmals im Monat darf ich mich auch an Kommentaren auf meinem Blog „erfreuen“, die sogar meine Oma als Werbung erkennen würde. Das Rezept ist ganz einfach: Man schreibe einen lieblosen und meistens bezuglosen Lobgesang auf einen x-beliebigen Artikel („du schreibst soooo toll! *Neid*“) und klatsche dann einfach Links zu Uhren-Shops mit dazu, in der Hoffnung etwas Gratis-Werbung platzieren zu können. Et voilà – fertig ist der plumpe Werbe-Spam.

Spam can

Bild: Qwertyxp2000 [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Noch ein Beispiel aus dem Bereich Kommentare: Ich bin vor einiger Zeit in einem Artikel kritisch auf ein Produkt eines Uhrenherstellers eingegangen, woraufhin nur wenige Stunden später ein Mitarbeiter einer selbsternannten Interessensvertretung für die Uhrenindustrie (im Prinzip auch nur ein Portal, bei dem Uhrenhersteller Werbeplatz kaufen können) meine Argumente mit einem Post mit Werbe-Charme entkräftigen wollte. Ich lasse mich gerne auf Diskussionen ein und auch ich kann mich natürlich irren, aber bitte doch nicht auf die Art und Weise…

Meine Motivation

Der eine oder andere mag jetzt denken: Warum bloggt der denn überhaupt noch, wenn ihn eh alles nur noch nervt? Nun, natürlich gibt es neben den Schattenseiten auch eine Menge positiver Erfahrungen, die mich weiterhin dazu bewegen werden, regelmäßig Artikel auf diesem Blog zu veröffentlichen. Allen voran ist da der regelmäßige und intensive Austausch mit anderen Uhrenfreaks, darunter z.B. Christian von Greenpilot-Watchstraps. Mehrmals die Woche chatten wir über Uhren und die Welt.

Auch viele der Gespräche auf der Baselworld 2017 waren pure Motivation für mich. Als Beispiel sei da mein Gespräch mit Herrn Shorokhov von der Alexander Shorokhoff Uhrenmanufaktur genannt, dem man die Leidenschaft für Uhren von Kopf bis Fuß anmerkt. Oder auch mein Gespräch mit dem Geschäftsführer-Sohnemann Schauer Junior vom deutschen Traditionshersteller STOWA, der sich in seinen jungen Jahren mehr als ins Zeug gelegt und uns vorbildlich beraten hat.

Solche Erfahrungen bekräftigen mich immer wieder weiterzumachen – trotz kleinem Blog-Budget, aber mit viel Leidenschaft.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

9 Gedanken zu “In eigener Sache: Über das Bloggen, SEO, Advertorials, Follower-Kauf, Kommentarspam & Co.

  • Tobias

    Ich lese deinen Blog echt gerne, weil er ehrlich geschrieben ist, mich unterhält und du viel Wissen, zumindest ist das bei mir so, vermittelst.
    Viele Grüße
    Tobias

  • Robert

    Argh, ich bin so unbedeutend, dass es meinen Instagram Account gar nicht auf Socialblade gibt 😀

    Schöner Einblick in dein Bloggerleben. Lese sowas immer ganz gerne. Uhren trage ich nicht 😉

  • Torsten Mischke

    Hi Mario,

    deinen Beitrag über das Bloggen, SEO, Advertorials, Follower-Kauf, Kommentarspam & Co. habe ich mit großem Interesse gelesen. Ich stimme dir in allen Punkten zu.

    Wir von Watch-Wiki, insbesondere ich, handhaben einen Aspekt anders: Die Pressemitteilungen.

    Ich vergleiche eine Pressemitteilung mit einem Katalog aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts. Für mich ist es ein Zeitdokument, welches dem Betrachter einige Jahrzehnte später viel Aufschluss über die damalige Zeit verschafft. Würde ich diese PM modifizieren, wäre sie ab dato kein historisches Dokument.

    So unterscheiden und ergänzen wir uns. Dein Blogg berichtet unabhängig, wir speichern Zeitdokumente, egal, obwohl oder gerade weil sie Werbebotschaften enthalten. Wir forschen aber auch. Durch die Verlinkung zu anderen Beiträgen lassen wir die Pressetexte nicht unkommentiert stehen.

    Ein Beispiel dafür ist das Großdatum von A. Lange & Söhne:

    https://watch-wiki.org/index.php?title=Gro%C3%9Fdatum
    https://watch-wiki.org/index.php?title=Spezial:Linkliste/Gro%C3%9Fdatum

    im Vergleich zu dem Panoramadatum von Glashütte Original:

    https://watch-wiki.org/index.php?title=Panoramadatum
    https://watch-wiki.org/index.php?title=Spezial:Linkliste/Panoramadatum

    Ich denke schon, dass wir trotz oder gerade wegen der Veröffentlichungen von unveränderten Pressemitteilungen zu einer freien Meinungsbildung des Betrachters beitragen können.

    Tickende Grüße aus Sachsen

    Torsten

    • Mario Autor des Beitrags

      Hallo Torsten,
      vielen Dank für deinen Kommentar, das ist auf jeden Fall eine sinnvolle Ergänzung zu meinem Artikel.
      Im Zusammenhang mit einer Wiki-Plattform stimme ich dir absolut zu 🙂
      Viele Grüße
      Mario

  • Herr Strohm

    Nur wer finanziell unabhängig blogt, kann auch mal austeilen und kritisieren – oder über den Klee loben. Eigenständigkeit bewahren, zu seiner Meinung stehen und auch mal gegen der Stro(h)m schwimmen. Genau das wollen die Leser. Also: Alles richtig gemacht. Ich wünsche dir gute Nerven und viel Durchhaltevermögen. Es wird uns nicht immer leicht gemacht. 🙂
    Gruß aus Bous
    Von Herrn Strohms Uhrsachen.

    • Mario Autor des Beitrags

      Als ich deinen Kommentar grad gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass ich den guten alten Strohm doch tatsächlich vergessen habe positiv zu erwähnen. Schande über mein Haupt, Schande, Schande!

      Hiermit nachgeholt! 😉